Best Short Paper Award bei der Mensch und Computer 2026. Neue Interviewstudie zeigt: Gute Technik allein macht Feuerwehren nicht einsatzfähiger
Norman Jung, Sophie Stroeve und Meinald Thielsch sind auf der Fachtagung Mensch und Computer 2026 in Duisburg mit dem Best Short Paper Award ausgezeichnet worden. Ihre Interviewstudie untersucht, wann digitale Unterstützung im Feuerwehreinsatz tatsächlich hilft und wann sie ihre Nutzer*innen im Stich lässt. Die Antwort liegt nur zum Teil im Gerät selbst.
Der auf der Mensch und Computer, dem jährlichen Treffen der deutschsprachigen HCI-Community, ausgezeichnete Beitrag beginnt mit einer Frage aus dem Einsatzalltag der Feuerwehren: hilft dieses digitale Werkzeug noch, wenn der Rauch die Sicht verschränkt, der Funk belegt und es auf Sekunden ankommt? Drohnen, Tablets, digitale Einsatzpläne, Roboter, vernetzte Sensorik und KI-gestützte Systeme kommen in Feuerwehren immer häufiger zum Einsatz und versprechen schnellere Koordination, ein besseres Lagebild oder sicherere Arbeit. Ihre Einführung stockt jedoch häufig oder erzeugt zusätzliche Anfälligkeit in genau dem Moment, in dem sie eigentlich zusätzliche Handlungsfähigkeit schaffen sollte.
Für die Studie wurden 18 Feuerwehrangehörige aus zehn Bundesländern befragt, die aus einer vorangegangenen Online-Befragung mit 410 Teilnehmenden gewonnen wurden. Zwölf von ihnen waren in freiwilligen Feuerwehren aktiv, drei in Berufsfeuerwehren und drei in beiden Bereichen. Insgesamt gingen 1.452 Einzelaussagen in die qualitative Inhaltsanalyse ein, ergänzt um 29 konkrete Einsatzereignisse. Berichtet wurden etwa eine Wärmebilddrohne bei der Beurteilung eines Dachstuhls und digitale Hydrantenkarten bei einem Fahrzeugbrand außerhalb bebauter Gebiete, auf der anderen Seite ein Tablet, das bei einem Unfall mit einem Elektrofahrzeug keine passenden Fahrzeuginformationen bereitstellte, und ein fehlgeschlagener Funkgruppenwechsel bei einem Industriebrand.
Fünf Bedingungen für tragfähige Technik:
Über die verschiedenen Systeme hinweg beschrieben die Befragten Technik dann als tragfähig, wenn sie auch unter fordernden Einsatzbedingungen bedienbar, verständlich und unterstützend blieb. Daraus ergeben sich fünf Bedingungen: die Passung zum Einsatzalltag, organisatorische Voraussetzungen wie Personal, Netzabdeckung, Wartung und Beschaffung, die soziale Einbettung im Team, eine bewusst begrenzte Abhängigkeit von der Technik sowie die Einführung als kontinuierlicher Anpassungsprozess.
Besonders deutlich wurde der vierte Punkt. Die Befragten begrüßten technische Unterstützung, warnten aber vor zu großem Verlass darauf, und zwar nicht aus Innovationsfeindlichkeit, sondern aus nüchterner Einsatzlogik: jedes System kann ausfallen, und der Ausfall ist genau dann am folgenreichsten, wenn das System am dringendsten gebraucht wird. Gefordert wurden ausdrückliche Rückfallebenen, auch analoge, sowie Ausbildung, die die Handlungsfähigkeit ohne die digitale Ebene erhält. Zuverlässigkeit heißt in diesem Verständnis nicht nur, dass ein System läuft, sondern dass die Mannschaft weiterarbeiten kann, wenn es das nicht tut.
Der Beitrag versteht Technikeinführung damit nicht als individuelle Übernahmeentscheidung, sondern als sozio-technische Aufgabe: Gestaltung, Einsatzpassung, organisatorische Unterstützung, Ausbildung und der Umgang mit Ausfällen greifen ineinander, und einzeln betrachtet reicht keiner dieser Punkte aus.
Die vollständige Publikation ist hier verfügbar: https://doi.org/10.1145/3820253.3831378